{"id":1568,"date":"2012-04-24T22:21:15","date_gmt":"2012-04-24T20:21:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.cattiva-brunsviga.de\/wordpress\/?p=1568"},"modified":"2012-04-24T22:21:15","modified_gmt":"2012-04-24T20:21:15","slug":"wenn-sich-die-justiz-in-den-fusball-einmischt-es-ist-viertel-vor-zwolf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.cattiva-brunsviga.de\/wordpress\/?p=1568","title":{"rendered":"Wenn sich die Justiz in den Fu\u00dfball einmischt &#8211; es ist Viertel vor Zw\u00f6lf!"},"content":{"rendered":"<p>&#8222;Wehret den Anf\u00e4ngen&#8220; &#8211; es ist wohl unz\u00e4hlbar, wie oft dieser Spruch in der Geschichte auf Entwicklungen zugetroffen hat, die ein Land oder eine Sache nachhaltig ins Negative ver\u00e4ndern sollten. Sicher, dort waren auch Ereignisse dabei, die zu krass sind, als dass man sie mit dem Fu\u00dfball ernsthaft verbinden sollte &#8211; aber dennoch: Die j\u00fcngsten Geschehnisse in Hamburg und leider auch hier in Braunschweig respektive D\u00fcsseldorf m\u00fcssen die Alarmglocken schrillen lassen!<\/p>\n<p>Die deutsche Justiz ist seit Begr\u00fcndung des Grundgesetzes durch die Besatzungsm\u00e4chte und Intellektuellen beim Verfassungskonvent am Herrenchiemsee in drei S\u00e4ulen unterteilt: Judikative, Legislative und Exekutive. Das d\u00fcrfte auch jeder Fu\u00dfballfan mal irgendwann in der Schule gelernt haben und vermutlich auch um die unverr\u00fcckbare Bedeutung dieser Trennung geh\u00f6rt haben. Die Judikative als Gerichtsebene und die Legislative (der Gesetzgeber, spricht die Politiker) mal ausgeblendet, waren f\u00fcr uns Fans eigentlich nur die Exekutive (die Polizei) interessant. Und lange gab es da auch keine Probleme, die Polizei verstand sich als Art Ordnungsmacht beim Fu\u00dfball und setzte den Gesetzeskatalog mal mehr und mal weniger konsequent um. W\u00e4hrend es manchem Beamten egal war, ob dort gerade ein Aufkleber verklebt und damit eine minimale Sachbesch\u00e4digung ver\u00fcbt wurde, holte manch anderer schon bei kleineren Beleidigungen den Kn\u00fcppel raus. Die Politik betrachtete das mit entsprechender Distanz und hielt sich raus &#8211; es gab ja auch keinen nennenswerten Grund zum Handeln, marodierende Banden wie in Osteuropa und Todesopfer wie in Italien waren und sind schlie\u00dflich ganz weit weg von der sch\u00f6nen heilen Welt des deutschen Fu\u00dfballs. Sicher, gerade mancher Polizeigewerkschaftler klagte dennoch \u00fcber \u00dcberstunden und ab und zu verletzte Beamten &#8211; das tat er aber meistens doch eher, um sein \u00f6ffentlichkeitsabh\u00e4ngiges Amt zu rechtfertigen.<\/p>\n<p>Doch dann kam der Sommer diesen Jahres: Im Zuge der Zusammenstellung der 2. Bundesliga und um die gescheiterte und in den Medien stark diskutierte Kampagne &#8222;Pyrotechnik legalisieren &#8211; Emotionen respektieren&#8220; schien erstmals in den K\u00f6pfen aller drei (!) Standbeine des Gesetzesapperates irgendein Schalter umgelegt worden sein &#8211; leider in die falsche Richtung: Klar, als Reaktion und zur Untermalung der Forderungen wurde in deutschen Stadien etwas mehr gez\u00fcndet als in den Jahren zuvor &#8211; doch im Vergleich zu den achtziger und neunziger Jahren war das genauso wenig von Relevanz, wie die Gewaltentwicklung rund um die Stadien. Die ist gerade in den oberen Ligen sp\u00fcrbar zur\u00fcckgegangen &#8211; wer erlebt bei einem Bundesligaspiel noch ernsthafte Ausschreitungen? Lediglich die mediale Rezeption war auf einmal eine andere: Pyrobilder stellten Chaoten dar, Sachbesch\u00e4digungen in den Stra\u00dfenbahnen wurden von &#8222;Hooligans&#8220; ver\u00fcbt. Eine Stimmung gegen die organisierten Fu\u00dfballfans wurde konstruiert, bewusste Angstbilder durch die Zeitungen geformt und verbreitet. Eine Entwicklung, die nun erstmals auch Politik und Gerichte auf den Plan rief und damit eine neue Dimension erreichte: Die Polizei nahm die Vorlage der Medien dankend an, die konnte nach Herzenslust \u00fcber &#8222;unverantwortliche Zust\u00e4nde in den Stadien&#8220; klagen und damit ein Fu\u00dfballbild befeuern, welches in dieser Form schlichtweg nicht existiert &#8211; f\u00fcr den unwissenden Leser aber hochgradig dramatisch klingt. Und die Politik muss darauf reagieren, eine Entwicklung die es so bisher nicht gab.<\/p>\n<p>Wer Politiker ist, der ist auch gleichsam bis zu einem bestimmten Grade Populist. Hei\u00dft er lebt von markanten Thesen f\u00fcr den W\u00e4hler, je nach eigenem Parteibuch eher in die konservative, oder die links-offene Richtung. Und weil viele Regierungen derzeit nun mal aus dem eher schwarzen Lager kommen, bekommen Polizei und Medien ein ziemlich offenes Ohr: Nat\u00fcrlich m\u00fcssen diese Zust\u00e4nde behoben werden und nat\u00fcrlich geh\u00f6ren derartige Leute weggesperrt &#8211; am Besten f\u00fcr immer. Das h\u00f6rt der b\u00fcrgerliche W\u00e4hler gerne, er ist schlie\u00dflich kaum informiert und glaubt die Horrorszenarien in Sachen Pyro und Gewalt. Was folgt sind krasse Vorgaben der Politik, die erstmals mit der Polizei auch \u00f6ffentlich paktiert und damit den Fans ein Gegenpol vorsetzt, der im Grunde nicht zu knacken ist. Und hiermit sind wir bei den Beispielen aus D\u00fcsseldorf und Hamburg: Die Polizeidirektion Braunschweig hat mit richterlicher Hilfe durchgesetzt, dass Personen, die beschuldigt (!) sind, Pyrotechnik beim Gastspiel hier an der Hamburger Stra\u00dfe gez\u00fcndet zu haben, \u00f6ffentlich zur Fahndung ausgeschrieben werden und damit eine \u00f6ffentliche Hetzjagd auf sie losgetreten wird. Der dazugeh\u00f6rige Vorwurf lautet das &#8222;Freisetzen von Giften&#8220;, einer Tat die mit mindestens einem Jahr Freiheitsstrafe auf Bew\u00e4hrung geahndet wird &#8211; und die aber in Relation zum tats\u00e4chlichen Ereignis v\u00f6llig deplatziert ist. Kommt es hier zu einer Verurteilung, dann sind T\u00fcr und Tor offen f\u00fcr alle weiteren Ma\u00dfnahmen, weil theoretisch setzt ja jeder irgendwie Gifte frei: Mit der Zigarette, mit dem Abgasen vom Auto &#8211; und nat\u00fcrlich auch mit Bengalos, selbst wenn sie das europ\u00e4ische G\u00fctesiegel wie im D\u00fcsseldorfer Fall besitzen. Und Fu\u00dfballfans sind dann ohnehin Freiwild, welches \u00f6ffentlich zur Schau gestellt werden darf, ohne Gedanken an den Arbeitgeber oder das famili\u00e4re Umfeld. Eine ungeheure Entwicklung, die durch die Ereignisse rund um das an diesem Wochenende anstehende Spiel zwischen St. Pauli und Hansa Rostock nur noch getoppt wird: Selbst das Oberverwaltungsgericht Hamburg hat dem Antrag der Polizei stattgegeben, dass keine Tickets an die Hansa-Fans verkauft werden d\u00fcrfen. Nat\u00fcrlich sei dies Sippenhaft, diese stehe aber laut Gericht in einem angemessen Verh\u00e4ltnis zur sonstigen Gefahrenquelle. Eine schockierende Ansicht, denn sollte dieses Urteil trotz aller Bem\u00fchungen der Vereine (wohlgemerkt!) Schule machen, dann kann man sich den vermeintlichen Erfolg \u00fcber das Abschaffen von G\u00e4steverboten seitens des DFBs getrost abschmieren. Jetzt entscheidet n\u00e4mlich die Polizei, wer wann wo hinfahren darf. Und die nimmt mal auf gar nichts R\u00fccksicht, au\u00dfer ihrer eigenen Meinung. Ein Horrorszenario &#8211; jetzt aber wirklich!<\/p>\n<p>Die Entwicklungen der letzten Wochen lassen mehr als Grund zur Sorge bereiten &#8211; insbesondere, weil die Spirale schon so weit gedreht wurde, als dass es schwer wird, diese Entwicklungen noch aufhalten zu k\u00f6nnen. Was bleibt ist im Grunde nur ein Appell an die Vernunft aller und ein R\u00fcckbesinnen auf alte Forderungen und alte Verst\u00e4ndnisse vom Fu\u00dfball als soziales Element. Ansonsten gehen bald nicht nur in den Ultra-Kurven &#8222;die Lichter aus&#8220;&#8230;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>&#8222;Wehret den Anf\u00e4ngen&#8220; &#8211; es ist wohl unz\u00e4hlbar, wie oft dieser Spruch in der Geschichte auf Entwicklungen zugetroffen hat, die ein Land oder eine Sache nachhaltig ins Negative ver\u00e4ndern sollten. 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